Digitalisierung in der Pflege (05.11.2021)

Workshop zur Verknüpfung strategischer Entwicklungen und konkreter Projekterfahrungen

Am 5.11. tauschten sich in einem Online-Workshop mehr als 30 Teilnehmer/innen zu ihren Erfahrungen mit und Einschätzungen zur Digitalisierung in der Pflege aus. Wir freuen uns, dass wir ein vielschichtiges Teilnehmer/innenfeld ansprechen konnten mit Vertreterinnen aus

  • der Praxis (z.B. Leiterinnen von Pflegeeinrichtungen wie etwa Ambulantes Pflegeteam Schwester Maike Janusic GmbH und der Sozialstation Meißen, weiterhin IT-Koordinatoren im Pflegedienst (z.B. Pflegedienst Angelika Müller e.K., Heim gemeinnützige GmbH Chemnitz), Pflegeleitungen des Universitätsklinikums Leipzig, Volkssolidarität Stadtverband Leipzig),
  • Wissenschaft (z.B. aus Forschungseinrichtungen wie der BAuA, des Instituts für Technologie und Arbeit, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb)),
  • Beratung (z.B. in den Regionalen Zukunftszentren Brandenburg und Sachsen-Anhalt, durch die Fachberaterin für Seniorenarbeit und Pflege Arbeiterwohlfahrt Soziale Dienste Chemnitz und Umgebung),
  • regionalen Koordinationsstellen (z.B. der Regionalen Servicestelle Betriebliche Gesundheit Vogtlandkreis),
  • Digitalisierungsprojekten (z.B. PENELOPE, PFLEX Sachsen, „Vernetzte Klinik – entlastete Pflege?“, AUXILIA)
  • Weiterbildung (z.B. Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft e. V.) und der
  • Krankenkassen (vertreten durch den Bereichsleiter Gesundheitsförderung bei der AOK Plus)
  • Interessenvertretungen (vertreten durch die Gewerkschaftssekretärin für Pflegepolitik, Pflegeversicherung und Digitalisierung im Gesundheitswesen von verdi). 

Nach der Begrüßung durch Dr. Michael Knoll (Universität Leipzig und Zentrum digitale Arbeit), startete die Veranstaltung mit zwei Impulsbeiträgen von Herrn Heiko Kotte (Bereichsleiter Gesundheitsförderung bei der AOK Plus) und Dr. Ulrike Rösler (Leiterin Gruppe 3.3 - Arbeitsgestaltung bei personenbezogenen Dienstleistungen in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, BAuA). Herr Kotte berichtete über die aktuelle Situation in der Pflege und die Rolle, die digitale Technologien in diesem Bereich spielen könnten. Dr. Rösler gab einen Überblick zu früheren und aktuellen Projekten im Themenbereich Digitalisierung in der Pflege. Weiterführende Informationen zu den beiden Beiträgen finden Sie am Ende dieses Beitrages.

Im Anschluss an die Impulsbeiträge diskutierten die Teilnehmer(innen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen. Dabei wurden u.a. 4 Punkte intensiver diskutiert. Zum einen wurde deutlich, dass es eine Vielzahl an Einzelprojekten gibt, für Vertreter der Praxis aber eine übergreifende Strategie fehlt, in die die einzelne Projekte eingegliedert werden könnten. Weiterhin wurde deutlich, dass administrativer Aufwand und mangelndes Wissen über Anlaufstellen und Hilfsangebote Digitalisierungsprojekte zuweilen erschweren. Drittens wurde deutlich, dass eine Integration von Maßnahmen/Ansatzpunkten über den gesamten Pflegezyklus hinweg und die Einbindung aller an der Pflege beteiligten Akteure (z.B. auch Angehörige) wünschenswert wäre gegenüber derzeit häufig praktizierter Insellösungen und punktueller, wenig abgestimmter und daher auch zuweilen inkompatibler Ansatzpunkte. Viertens wurde die Frage aufgeworfen,was mit den Zeitgewinnen geschieht, die durch den Einsatz digitaler Technologien in aussicht gestellt sind - werden diese den Pflegenden zugute kommen (z.B. als Pausenzeiten, Weiterbildungszeiten, Zeiten zur Stärkung des sozialen Miteinanders), in die Pflegetätigkeit einfließen (z.B. durch mehr Zeit mit den Pflegebedürftigen) oder sich in Personaleinsparungen und weitere Verdichtung der Arbeitsschritte niederschlagen? 

Im zweiten Teil ging es um die Nutzung digitaler Technologien zur

(A) Verbesserung von Arbeitsprozessen und -organisation,

(B) Stärkung individueller Kompetenzen von Pflegenden und

(C) Verbesserung der Pflege/Arbeit mit den Patient(inne)n.

Für jedes Einsatzgebiet wurde beispielhaft ein konkretes Anwendungsprojekt vorgestellt und im Anschluss mit den anderen Teilnehmer/innen diskutiert. In diese Diskussionen flossen auch eigene Erfahrungen und Empfehlungen und Hinweise aus anderen Projekten oder Beratungsfällen ein. Sie finden die Präsentationen unten auf dieser Seite.

Im ersten Einsatzgebiet digitaler Technologien (A) stellte Anne Kemter Erkenntnisse aus dem PENELOPE-Projekt vor. Insbesondere zum Thema Gestaltung von Pausen in der Pflege wurde intensiv diskutiert, da Pausen aufgrund von Zeitdruck, räumlich verteilter Pflegebedürftiger und Anforderungen aus der Pflegetätigkeit zuweilen kaum wahrgenommen werden können. Eine Botschaft aus dieser Diskussion war, dass Pflegekräfte und insbesondere Vorgesetzte und Unternehmen Pausen gute Arbeitsbedingungen (bspw. Phasen der Nicht-Erreichbarkeit) erkämpfen und behaupten müssen gegenüber zuweilen sehr hohen Ansprüchen anderer Beteiligter am Pflegeprozess. Wenn digitale Technologien hier helfen können, wäre dies sicherlich hiflreich.

In einem zweiten Beitrag legte Marit Bartetzko, Projektleiterin für das Projekt PFLEX SACHSEN, den Schwerpunkt auf die in ihrem Projekt praktizierte Methode der Workhacks als minimalinvasive Methoden zur Verbesserung der Arbeitsgestaltung. In sehr anschaulicher Fom verdeutlichte sie, dass Veränderungen im Kleinen Erfolge zeigen können und dies die Basis nicht nur für weitere Veränderungen und Projekte, sondern auch für eine vertrauensvolle Beratungsbeziehung darstellen können.

Im zweiten Einsatzgebiet digitaler Technologien in der Pflege (B) stellte Denise Dörfel Erkenntnisse aus einem Kompetenztraining (u.a. Selbstmanagement, Regulation von Emotionen) vor, das in Kooperation mit der AOK Plus Sachsen im Rahmen des PENELOPE-Projekts entstand und vor der Einführung in die Anwendung steht. In der anschließenden Diskussion des Trainings (einige Inhalte finden Sie in der Präsentationen unten auf dieser Seite) und anderer Lehr-Lern-Konzepte wurde u.a. deutlich, dass es große Unterschiede innerhalb der Pflegelandschaft gibt - sowohl hinsichtlich des Kompetenzstandes der Beschäftigten als auch hinsichtlich des Einsatzes von Weiterbildungsformaten.

Im dritten Einsatzgebiet digitaler Technologien in der Pflege (C) stellte Larissa Schlicht von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) Projekte vor, die digitale Technologien nutzen zur Verbesserung der Arbeit mit Patient*innen. Hierbei - und in der anschließenden Diskussion - wurde deutlich, dass es durch den Einsatz digitaler Technologie zu Spannungsfeldern zwischen Pfegenden und Pflegebedürftigen bzw. den Bedürfnissen der beiden Parteien kommen kann. Weiterhin wurde die Frage aufgeworfen, welche Bereiche der Pflegetätigkeit durch digitale Technologien übernommen werden sollte. Während die Übernahme administrativer (z.B. Dokumentation) und unterstützender Tätigkeiten positiv gesehen wurde, warf die Übernahme von Kernpflegehandlungen durch digitale Technologien auch Fragen und Bedenken auf.

Insgesamt zeigte die Veranstaltung, dass trotz zahlreicher bestehender Angebote zur Vernetzung und Information ein Austausch in einer heterogen zusammengesetzten Runde für alle Beteiligten neue Impulse geben kann und das Verständnis füreinander fördert. Wir werden vonseiten des Zentrum digitale Arbeit in den nächsten Wochen und Monaten versuchen, diesen Anstoß aufzunehmen und den Prozess des Austauschs zu fördern durch Verfügbarmachen von Information und Einladungen zum Dialog.

Wir möchten zudem noch einmal ausdrücklich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre Bereitschaft danken, ihre Ideen, Erfahrungen und Handlungsempfehlungen zu teilen. Sie haben damit entscheidend zum Erfolg der Veranstaltung beigetragen und ermutigen uns, diese Thema weiterzuverfolgen.  

Für Rückfragen und Anregungen wenden Sie sich gern an Dr. Michael Knoll (michael.knoll@uni-leipzig.de)