Gesundes Arbeiten mit Informations- und Kommunikationstechnologien über die Lebensspanne

Krank arbeiten? Lieber nicht!

Ein Beitrag von Carolin Dietz auf der 12. Tagung der DGPs-Fachgruppen Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie sowie Ingenieurspsychologie, 22. – 24. September 2021

Die digitale Transformation ist im Arbeitskontext allgegenwärtig. Dabei verändern vor allem Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK) die Inhalte, Gestaltung und Organisation von Arbeit mit weitreichenden Folgen für die Beschäftigten, Organisationen und die Gesellschaft insgesamt. Gleichzeitig beobachten wir einen demografischen Wandel, der auch die Erwerbsbevölkerung betrifft. Niedrige Geburtenraten und eine sinkende Sterblichkeit älterer Bevölkerungsgruppen führen dazu, dass die Erwerbsbevölkerung zunehmend altert und schrumpft. Beide Megatrends verändern aber nicht die Tatsache, dass die Erhaltung der Gesundheit der Erwerbstätigen eine zentrale Rolle spielen sollte. Gesunde Mitarbeitende haben sowohl ein größeres Wohlbefinden als auch eine größere Produktivität. Allerdings müssen wir uns in Zukunft verstärkt damit beschäftigen, wie Erwerbstätige in unterschiedlichen Lebensphasen und bis ins hohe Alter unterstützt werden können.

Ausgehend von diesen zwei gesellschaftlichen Megatrends widmen wir uns in diesem ZdA‑Spotlight den folgenden Fragen:

  • Welchen Einfluss hat die Nutzung von IuK auf Anforderungen und Ressourcen der Erwerbstätigen im Arbeitskontext?
  • Welchen Einfluss hat die Nutzung von IuK auf das Verhalten der Erwerbstätigen im Krankheitsfall?
  • Gibt es Unterschiede in diesen Einflüssen in Abhängigkeit des Alters der Erwerbstätigen?

Take Home Message

  • Für Erwerbstätige bis ca. 49 Jahre scheint IuK-Nutzung ein zweischneidiges Schwert zu sein. IuK-Nutzung hängt für diese Erwerbstätigen mit Anforderungen zusammen, die das Risiko des Arbeitens mit Krankheit erhöhen, jedoch auch mit Ressourcen, die das Risiko verringern.
  • Erwerbstätige ab 50 Jahren scheinen von häufiger IuK-Nutzung am Arbeitsplatz langfristig zu profitieren. Sie arbeiten seltener trotz Krankheit. Mögliche Erklärung: Berufe mit häufiger IuK-Nutzung sind körperlich weniger belastend, somit sind die Erwerbstätigen langfristig gesünder und haben weniger Gelegenheiten krank zu arbeiten.
  • Auf kurze Sicht scheint für Erwerbstätige ab 50 Jahren IuK-Nutzung aber nicht nur positiv zu sein. Gehäufte IuK-Nutzung in einem Monat erhöht das Risiko dieser Erwerbstätigen krank zu arbeiten. Somit sollten kurzfristige Erhöhungen der IuK-Nutzung (z. B. saisonale Belastungsspitzen durch Jahresabschluss) vor allem bei Erwerbstätigen ab 50 Jahren vermieden werden.

 

IUK-Nutzung, Arbeitsmerkmale und Verhalten im Krankheitsfall

Zur Beantwortung dieser Fragen wurde der Stand der Forschung zum Thema aufgearbeitet und integriert. Außerdem wurden Daten aus der Längsschnittanalyse des ZdA ausgewertet und Ihnen hier aufbereitet.

IuK-Nutzung ist hier definiert als starker Einsatz/Gebrauch und Abhängigkeit von Internet, spezifischer Software und digitaler Kommunikationsmittel wie E-Mail (Wang, Liu & Parker, 2020). Als Verhalten im Krankheitsfall wurde das Arbeiten mit gesundheitlichen Beschwerden gewählt, auch bekannt als Präsentismus. Dieses Verhalten ist im weitesten Sinne das Gegenteil zum Nichtarbeiten aufgrund von Krankheit (z. B. AU-Tage).

Arbeiten mit gesundheitlichen Beschwerden kann das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeitenden verringern und auch organisationale Kosten durch Produktivitätseinbußen verursachen (Miraglia & Johns, 2016). Diese Kosten sollen jene von krankheitsbedingten Ausfällen sorgar noch übersteigen (Hemp, 2004). Die Gründe für dieses Verhalten sind komplex. Sie liegen vor allem im physichen und psychischen Gesundheitszustand, den Einstellungen der Mitarbeitenden und in organisationalen Aspekten wie Arbeitsplatzunsicherheit, Zeitdruck und Ersetzbarkeit (Miraglia & Johns, 2016).

Unklar ist, wie sich Veränderungen der Arbeitsanforderungen und -ressourcen durch die Nutzung von IuK auf dieses Verhalten auswirken. Eine detaillierte Einführung zur Wirkung von IuK‑Nutzung und möglichen altersbedingten Unterschieden finden Sie in unserem Wissenspool.

"Präsentismus ist das Verhalten von Berufstätigen, trotz Vorliegen von Krankheitssymptomen weiter ihrer Arbeitstätigkeit nachzugehen." (Hägerbäumer, 2011, S. 76)

Ergebnisse

Unsere Analysen haben gezeigt, dass über ein halbes Jahr Zusammenhänge zwischen IuK-Nutzung, Arbeitsanforderungen und Ressourcen bestehen. Als Erklärung könnten bestehende Unterschiede zwischen Berufsgruppen dienen. So sind eventuell Tätigkeiten, in welchen verstärkt IuK genutzt wird, so gestaltet, dass Erwerbstätige mit Informationsüberlastung, lerninduzierten Anforderungen und Unterbrechungen konfrontiert sind, ihnen aber auch zeitlicher Spielraum zur Verfügung steht. Im Vergleich dazu sind Tätigkeiten mit wenig IuK-Nutzung möglicherweise so gestaltet, dass die Erwerbstätigen mit weniger Anforderungen konfrontiert sind, aber auch weniger Ressourcen zur Verfügung haben.

Zudem hängt krank arbeiten mit Informationsüberlastung, Unterbrechungen und Zeitlicher Autonomie zusammen. Erwerbstätige mit hoher Informationsüberlastung und vielen Unterbrechungen arbeiten also auch öfter mit gesundheitlichen Beschwerden im Vergleich zu Erwerbstätigen mit niedrigen Werten in diesen Anforderungen. Im Kontrast dazu scheinen Erwerbstätige mit viel zeitlicher Autonomie auch seltener krank zu arbeiten. Diese mit IuK‑Nutzung assozierten Anforderungen könnten also kritisch für die Gesundheit der Erwerbstätigen sein, da sie Präsentismus fördern und dieser negative gesundheitliche Folgen haben kann. Im Kontrast könnte sich allerdings zeitliche Autonomie durch IuK-Nutzung positiv auswirken. Somit ist IuK-Nutzung im Hinblick auf die Vermeidung von gesundheitsgefährdendem Verhalten ein zweischneidiges Schwert.

Interessanterweise hängt die Nutzung von IuK nur für Erwerbstätige ab 50 Jahren direkt mit dem Arbeiten trotz gesundheitlicher Beschwerden zusammen. Erwerbstätige ab 50 Jahren, die häufig IuK nutzen arbeiten seltener mit gesundheitlichen Beschwerden. Als Erklärung könnten hier Unterschiede in der physischen Arbeitsbelastung zwischen Berufsgruppen dienen, die sich ab einem gewissen Alter im Gesundheitsstatus manifestieren.

Im Kontrast zu den beschriebenen langfristigen Zusammenhängen zeigt sich auf kurze Sicht folgendes Bild. Eine kurzfristige Phase (wenige Wochen) mit gehäufter IuK-Nutzung bei Erwerbstätigen ab 50 Jahren stellt ein Risiko für deren Verhalten im Krankheitsfall dar. Eine kurzfristige Reduzierung der IuK-Nutzung hingegen führt zu seltenerem Arbeiten mit gesundheitlichen Beschwerden. Kurzfristige Erhöhungen der Nutzung und Abhängigkeit von IuK sollten also vor allem bei Erwerbstätigen ab 50 Jahren vermieden werden. Da langfristig aber vor allem Erwerbstätige ab 50 Jahren von IuK-Nutzung in Hinblick auf ihr Krankheitsverhalten zu profitieren scheinen, ist eine Nutzung von IuK im konstanten Ausmaß trotzdem ratsam. 

Explorative Untersuchungen ergaben weiterhin, dass häufiges Arbeiten mit Krankheit bei Erwerbstätigen ab 50 zu erhöhter Informationsüberlastung und Lerninduzierten Anforderungen führt. Erwerbstätige im Alter zwischen 35 und 49 nahmen nach einem Monat mit häufigem Arbeiten mit Krankheit mehr Unterbrechungen war.

Nähere Informationen zur Methodik und den Ergebnissen finden Sie unten auf dieser Seite als PDF-Download. Falls Sie weitere Fragen haben, kontaktieren Sie mich gerne!

Handlungsempfehlungen

1. Planen Sie bei der Einführung von (neuen) IuK Zeit zur Schulung der Mitarbeitenden ein. Ermöglichen Sie dabei, jeder und jedem Mitarbeitenden in ihrem und seinem Tempo zu lernen.

2. Erarbeiten Sie mit Ihren Mitarbeitenden klare Regelungen im Umgang mit IuK.

3. Vermeiden Sie Phasen von extremen Leistungsanforderungen und Abhängigkeiten von IuK und ermöglichen Sie (zeitliche) Handlungsspielräume.

Offene Fragen für zukünftige Spotlights und Analysen

  • Welche Rolle spielt IuK-Nutzung für andere Tätigkeitsmerkmale wie die Bedeutsamkeit der Tätigkeit?
  • Welche Wirkung hat IuK-Nutzung auf krankheitsbedingte Abwesenheit?
  • Welchen Einfluss haben Führungskräfte und deren IuK-Nutzungsverhalten?
  • Wie entwickeln sich diese Wirkungen über längere Zeitabstände?
  • Welche Ressourcen können negative Wirkungen von IuK-Nutzung abpuffern?
  • Hemp, P. (2004). Presenteeism: at work--but out of it. Harvard Business Review, 82(10), 49–155.
  • Miraglia, M., & Johns, G. (2016). Going to work ill: A meta-analysis of the correlates of presenteeism and a dual-path model. Journal of occupational health psychology, 21(3), 261–283. doi.org/10.1037/ocp0000015
  • Truxillo, D. M., Cadiz, D. M., Rineer, J. R., Zaniboni, S., & Fraccaroli, F. (2012). A lifespan perspective on job design: Fitting the job and the worker to promote job satisfaction, engagement, and performance. Organizational Psychology Review, 2(4), 340-360.
  • Wang, B., Liu, Y., & Parker, S. K. (2020). How does the use of information communication technology affect individuals? A work design perspective. Academy of Management Annals, 14(2), 695-725.

Weiterführende Literatur

  • Ruhle, S. A., Breitsohl, H., Aboagye, E., Baba, V., Biron, C., Correia Leal, C., ... & Yang, T. (2020). “To work, or not to work, that is the question”–Recent trends and avenues for research on presenteeism. European Journal of Work and Organizational Psychology, 29(3), 344-363
  • Steidelmüller, C., Meyer, S. C., & Müller, G. (2020). Home-based telework and presenteeism across Europe. Journal of occupational and environmental medicine, 62(12), 998-1005.

Tagungsbeitrag als PDF-Download

Ansprechpartnerin

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Dr. Carolin Dietz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
carolin.dietz@uni-leipzig.de
Icon Ansprechpartner

Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie
Universität Leipzig
Institut für Psychologie
Neumarkt 9-19
04109 Leipzig