Transformation durch Strukturwandel

Die Bedeutung von strukturellen Umbrüchen für Ostdeutschland

Strukturelle Umbrüche haben seit der Wiedervereinigung 1989/1990 eine besondere Bedeutung in den ostdeutschen Bundesländern. Die Wiedervereinigung hat die Wirtschaftsstruktur in den Bundesländern der ehemaligen DDR grundlegend und nachhaltig verändert. Sektoren, Regionen sowie Arbeitsmarktstrukturen standen unter großem Druck, sich schnellstmöglich an die neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen anzupassen. Der Strukturwandel hat die ostdeutschen Bundesländer in den letzten 30 Jahren somit in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Nach diesen regionalen und wirtschaftlichen Umbrüchen infolge der Wiedervereinigung, folgen sukzessive weitere sektorale Umbrüche, wie zum Beispiel der geplante Ausstieg aus dem Braunkohlebergbau bis zum Jahr 2038. Dieser (neue) Strukturwandel durch den Braunkohle-Ausstieg wird die neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung ein weiteres Mal umstrukturieren - regional, sektoral sowie in Bezug auf den Arbeitsmarkt sowie die Erwerbsstruktur. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Auswirkungen des Strukturwandels in den ostdeutschen Bundesländern und zeigt Auswirkungen und Potentiale auf.

„Den Strukturwandel kann man auf die Zusammensetzung der Produktion eines Landes (Produktionsstruktur) nach Wirtschaftszweigen (sektorale Struktur) beziehen, aber auch auf Regionen oder Wirtschaftsräume (regionale Struktur) oder auf die entsprechenden Änderungen der Aufteilung der Beschäftigten (Erwerbsstruktur, Beschäftigungsstruktur) nach Sektoren, Regionen, Qualifikation oder Alter.“ (Duden, 2016).

Wie wird ein "Strukturwandel" definitiert?

Ein struktureller Wandel ist demnach eine nachhaltige Entwicklung, die in ihrem Ursprung sowohl disruptiv als auch inkrementell erfolgen kann. Diese Dynamik bezieht sich auf Regionen, Branchen oder auf die Gesellschaftsstruktur, gegebenenfalls auch auf alle Faktoren gleichzeitig. Beispiele für den Strukturwandel sind unter anderem im Trend zur Elektromobilität in der Automobilbranche, in der Entwicklung der Landwirtschaft hin zu einer eher industriellen Produktion oder im Wechsel von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft in Deutschland zu finden.

Strukturelle Umbrüche beeinflussen die Regionen, in denen sie stattfinden, ganzheitlich. Die ostdeutschen Bundesländer sehen sich nun, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, mit dem Kohleausstieg einem erneuten Strukturwandel gegenüber (Ragnitz, 2020). Bevor sich dieser kurze Beitrag dem Strukturwandel am Beispiel der Lausitz widmet, soll überblicksartig darauf eingegangen werden, welche besondere Bedeutung das Phänomen des Strukturwandels für die neuen Bundesländer darstellt.


„Kennzeichnend für die Wirtschaft in der DDR war das System staatlicher Planung und Leitung, das mit strikten mengenmäßigen Vorgaben für alle Teile der Wertschöpfungskette verbunden war. Absatz- und Lieferketten waren durch diese Organisationsform vorherbestimmt. Märkte im marktwirtschaftlichen Sinne, auf denen Unternehmen im Wettbewerb um die Kunden standen, gab es nicht.“ (Ragnitz, 2020).

Welche Bedeutung hat der Strukturwandel für die ostdeutschen Bundesländer?

Mit dem 1989/1990 durch die Wiedervereinigung ausgelösten Strukturwandel in den ostdeutschen Bundesländern haben sich nicht nur die regionalen, sektoralen und demografischen Strukturen, sondern auch die Charakteristika des Arbeitsmarktes dauerhaft verändert. Mit der Wiedervereinigung und dem damit verbundenen Übergang von der Plan- in die Marktwirtschaft, ist in den Bundesländern der ehemaligen DDR ein umfassender und disruptiver Prozess der Deindustrialisierung ausgelöst worden. Im Zuge dessen hat ein Umbruch innerhalb der Branchenstruktur in den ostdeutschen Bundesländern stattgefunden (Kubis, 2010). Die Branchenstruktur hat sich insofern verändert, als dass in der ehemaligen DDR jene Branchen noch Bestand hatten, die in den westdeutschen Bundesländern aufgrund des globalen Strukturwandels schon massiv eingebrochen sind. Das waren zum Beispiel „die Textil- und Bekleidungsindustrie, das Ledergewerbe oder das Holzgewerbe“ (Ragnitz, 2020). Verbunden mit der massiven arbeitsmarktbedingten Abwanderung der vor allem jungen Bevölkerung in die alten Bundesländer sowie der erhöhten Altersstruktur derjenigen, die geblieben sind, hatten diese Dynamiken eine Vielzahl nachhaltiger Entwicklungen zur Folge. Ein Großteil der (Industrie-)Betriebe aus der ehemaligen DDR war aufgrund der vorherrschenden, geringen Produktivität in der freien, globalen Marktwirtschaft, der schnellen Einführung der D-Mark (mit einem politischen Umtauschkurs) sowie dem plötzlichen Wegfall der Märkte im Osten nicht wettbewerbsfähig.

Diese Strukturen in Verbindung mit der abrupten Einführung des gesamtdeutschen Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwesens haben den durch die Wiedervereinigung bedingten Strukturwandel erschwert und verlangsamt. Nach einer Phase des Umbruchs sind neue sektorale Strukturen entstanden. Damit einhergehend hat sich der Fokus in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft verschoben. Unabhängig von dieser Verschiebung und Neuausrichtung ist die Zahl der Erwerbstätigen vor allem im verarbeitenden Gewerbe in den ostdeutschen Bundesländern in den 90er-Jahren deutlich und rapide gesunken, wie es in der Grafik zu sehen ist.

In den darauffolgenden Jahren hat sich die Wirtschaftsstruktur der neuen Bundesländer langsam an die der alten Bundesländer angenähert und stabilisiert. Im Gegensatz dazu ist allerdings das Forschungs- und Entwicklungspotential (FuE) bedingt durch die kleinen Betriebsgrößen und fehlenden Konzernsitze in den neuen Bundesländern immer noch deutlich geringer als in den alten Bundesländern.

„Abschließend lässt sich sagen, dass der Kohleausstieg in der Lausitz stellvertretend für weitere unabdingbare sozialökologische Transformationen stehen kann. Die strukturelle Herausforderung, in relativ kurzer Zeit interdependente Entscheidungen in von Unsicherheit geprägten Kontexten zu treffen, wird dabei eher größer als kleiner. Mit dem Strukturwandel in der Lausitz eröffnet sich nun eine Gelegenheit, politische, administrative und ökonomische Strukturen auf Nachhaltigkeit umzustellen.“ (Gürtler/Luh/Staemmler, 2020).

Das Fallbeispiel der Lausitz

Die Lausitz, das ehemalige Zentrum des Braunkohlebergbaus in der DDR, ist eine Region in Brandenburg, Sachsen und Polen. Diese Region ist nach der Wiedervereinigung 1989/1990 nun mit dem geplanten Ende des Braunkohleabbaus bis 2038 erneut von massiven strukturellen Umbrüchen betroffen. Zu dem sektoralen Strukturwandel kommen hier verstärkt Faktoren wie der Bevölkerungsrückgang sowie die Alters- und rückgängige Erwerbsstruktur hinzu (Wörlen/Kippler/Holzhausen, 2017). Aus der Grafik wird der massive Einbruch der Beschäftigtenzahlen im Braunkohlebergbau nach der Wiedervereinigung gerade auch im Vergleich zu anderen Revieren in Deutschland deutlich ersichtlich.

Mit dem geplanten Ende der Braunkohleförderung im Jahr 2038, steht die Lausitz-Region nun erneut vor den Auswirkungen eines massiven Strukturwandels. Neben der geplanten Entwicklung der Lausitz zu einer Tourismusregion, steht auch eine Neuausrichtung der Energiewirtschaft auf grüne Wasserstofftechnologien zur Debatte (Gürtler/Luh/Staemmler, 2020). Neben der großen Herausforderung, die Lausitz zu einer attraktiven Tourismusregion zu entwickeln, neue Arbeitsplätze zu schaffen sowie der Region ein neues Profil zu geben, bietet der schrittweise erfolgende Strukturwandel auch die Chance, dem ökologischen Wandel in der Region, Rechnung zu tragen.

Das Forschungs- und Entwicklungspotential ist in den ostdeutschen Bundesländern auch 2019 noch etwa drei Mal geringer als in den alten Bundesländern (Struck, 2020).

Ausblick

Die Wirtschaftsstruktur der ostdeutschen Bundesländer entwickelt sich stetig weiter und obwohl das Argument der „Persistenz der Produktionslücke“ (Gropp/Heimpold, 2019) immer wieder in der einschlägigen Literatur auftaucht, werden die Unterschiede im Hinblick auf die Produktivität zu den westdeutschen Bundesländern immer geringer. Im Gegensatz dazu besteht der Abstand zu den westdeutschen Bundesländern in Bezug auf das Forschungs- und Entwicklungspotential weiterhin. Dieses Forschungs- und Entwicklungspotential ist in den ostdeutschen Bundesländern auch 2019 noch etwa drei Mal geringer als in den alten Bundesländern (Struck, 2020) und steht daher häufig im Mittelpunkt der Zukunftsperspektiven dieser Bundesländer.

Deutsches Biomasseforschungszentrum
gemeinnützige GmbH (2020): Bioökonomieatlas. Kohle & Strukturwandel (DBFZ), Leipzig.

Gropp, R.E., Heimpold, G. Ostdeutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall: Erreichtes und wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf. Wirtschaftsdienst 99, 471–476 (2019).

Gürtler K., Luh V., Staemmler J. (2020): Strukturwandel als Gelegenheit für die Lausitz. Warum dem Anfang noch der Zauber fehlt. In:  Aus Politik und Zeitgeschichte (6-7/2020), Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), Bonn.

Kubis, Alexander (2010): Lebenswelt im Umbruch: Strukturwandel und regionale Entwicklung. In: D. Gregosz (Hrsg.), Wo steht Ostdeutschland in zehn Jahren? Zukunftsperspektiven der "Jungen Länder", Sankt Augustin, S. 37-43.

Lintz G., Wirth P., Harfst J. (2016) Regionaler Strukturwandel und Resilienz. In: Wink R. (eds) Multidisziplinäre Perspektiven der Resilienzforschung. Studien zur Resilienzforschung. Springer, Wiesbaden.

Ragnitz, Joachim (2020): Strukturwandel nach Entindustrialisierung, Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), Bonn.

Struck, Olaf (2020): Strukturwandel in Ostdeutschland. Wirtschaftliche und soziale Folgen 30 Jahre nach dem Fall der Mauer. In: Sozialer Fortschritt, Bd. 69 (2020), Heft 6-7: S. 375–394.

Wörlen C., Keppler L., Holzhausen G. (2017): Arbeitsplätze in Braunkohleregionen –Entwicklungen in der Lausitz, dem Mitteldeutschen und Rheinischen Revier. Kurzstudie für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen: Arepo Consult, Berlin.